top of page

BASED ON A TRUE STORY

BY TRUMAN CAPOTE

– ein Video-Essay

Geschichten, die auf wahren Begebenheiten basieren, haben einen besonderen Reiz. Vor allem Geschichten, die unwahrscheinlich scheinen und doch wahr sind. Der brutale Mord an der Familie Clutter 1959 in einem kleinen, unscheinbaren Städtchen im Mittleren Westen der USA, ist ein solches Ereignis. 

 

Truman Capote recherchiert über Jahre zu diesem Kriminalfall und seiner Auflösung. 1963 veröffentlicht er einen der ersten True Crime-Romane. Seine Annäherung an ein wahres Ereignis ist Auslöser dafür, grundsätzlich über das zu sprechen, was wir nicht fassen können — was aber möglich ist.

Der theatrale Video-Essay greift für die Verhandlung auf der Bühne auf eine Dramaturgie des morphens zurück: Sobald einem Strang gefolgt wird, kippt dieser in den nächsten. Geduldig aufgebaute Anordnungen lösen sich bald schon wieder auf und das Erzählen und damit die dargestellte Wahrheit wird immer unzuverlässiger.

  • © Sabrina Lößl-Lamboy

  • Porträt von Nicolai Kaps

    Nicolai Kaps  

    Porträt von Elisabeth Nittka

    Elisabeth Nittka

    Regie & Text: Ruben Müller

    Dramaturgie: Paulina Wawerla

    Bühne & Video: Chloe Kelly

    Kostüme: Katharina Quandt​

    Mentorat: Hannah Schünemann

    Assistenz: David Schmidt

    Porträt von Cornelius Kiene

    Cornelius Kiene

    © Sabrina Lößl-Lamboy

  • Based on a True Story

    Geschichten, die auf wahren Begebenheiten basieren, haben einen besonderen Reiz. Ihr Wert liegt in ihrer Authentizität – im Einblick in wahre Ereignisse und Schicksale. Es geht um Geschichten, die unwahrscheinlich scheinen und doch real sind. Der brutale Mord an der Familie Clutter 1959 in einem kleinen, unscheinbaren Städtchen im Mittleren Westen der USA, ist ein solches Ereignis.

    Truman Capote recherchiert über Jahre zu diesem Kriminalfall und seiner Auflösung. 1963 veröffentlicht er darüber einen der ersten True Crime-Ro-mane. Für Based on a True Story by Truman Capote ist diese Annäherung an ein wahres Ereignis der Auslöser, um grundsätzlich über das zu sprechen, was wir nicht fassen können - was aber möglich (oder sogar wahr) ist.

    Another Sunny Day in the Neigbourhood

    In den 1950er und 1960er Jahre wurde den privilegierten, weißen Mittel-schicht-Amerikaner'innen bewusst, dass "das Leben etwas anderes ist als ein langes Basketballspiel". Gezeichnet von Kriegen, einer unzuverlässigen Wirtschaft, erschossenen Politikern und großen Bürger:innenrechtsbewegungen erschien ihnen ihre alltägliche Realität immer unwahrscheinlicher.

    Selbst die besten Romanautor innen vermochten sich nicht vorzustellen, was alles Wirklichkeit werden konnte. Nichts schien mehr einfach so vorhersehbar, gewöhnlich oder repräsentativ. Zeitgleich war auf Methoden der Dokumentation und Beweisführung immer weniger Verlass: Fotos könnten gefälscht, Fernsehbilder manipuliert und Zeitungen zensiert sein.

    Just Because You're Paranoid Doesn't Mean They're Not After You

    Und mit diesen Verunsicherungen steigt auch die Ablehnung gegen den Zufall oder das Chaos: Alles hat einen (eigentlichen) Grund. Alles muss aufgedeckt, entlarvt und in Frage gestellt werden. Skepsis richtet sich nicht mehr nur (gerechtfertigt) gegen überholte Glaubenssätze und Herr-schaftsstrukturen, sondern erschöpft sich in Paranoia: Analog zu der Perspektive einer depressiven Person, die in aller Hoffnung nur Illusion sieht, erkennt eine paranoide Person in jeder Erklärung die nächste Fälschung.

    Und weil selbst das Entdecken von bösen Überraschungen eine böse Überraschung ist, geht es darum, alle bösen Überraschungen vorherzusehen. Man muss denken wie ein Mörder, um einen Mörder zu fangen. Vielleicht interessieren wir uns deswegen so für Kriminalgeschichten. Vielleicht sind sie eine Variante des Versuchs, Ordnung und Ruhe in die Welt zu bekom-men.

    Der "Detektiv" im Krimi stellt die Sicherheit wieder her. Seine Arbeit hat daher wenig mit der Arbeit "der Polizei" (die Fehler macht, bei weitem nicht jeden Fall löst und eigenen Motiven folgt) zu tun. Vielleicht sind Kriminalgeschichten viel eher Ausdruck des Bedürfnisses, davon zu erzählen, wie man vom Nicht-Wissen irgendwie zum Wissen gelangt. Und da haben wir über Gerechtigkeit noch gar nicht gesprochen.

    Ein Video-Essay

    Based on a True Story by Truman Capote nähert sich der Kriminalgeschichte und der Überforderung in chaotischen Zeiten in einer Dramaturgie des morphens*: Sobald man einem Strang folgt, kippt dieser in den nächsten. Geduldig aufgebaute Anordnungen lösen sich bald schon wieder auf und das Erzählen wird immer unzuverlässiger.

     

    Drei Performerinnen vertiefen sich in den berühmten Kriminalfall, verschlingen sich in Abschweifungen und spinnen ein Netz, getrieben von Paranoia. Das umfangreiche Textmaterial (angestoßen von Jorge Luis Borges, Chris Fujiwara, Mariam Halfmann, Torsten Körner, und Eve Kosofsky Sedgwick) gleicht einer Verschwörung: Alles hat tatsächlich mit allem zu tun und Zufallsfunde spannen Bögen zwischen Präsident John F. Kennedy und Autorin Harper Lee – oder Shakespeares Julius Caesar und Präsident Lincoln –  oder zwischen dem Mörder Dick und Präsident Harry Truman.

    Und auch die Bühne morpht zwischen einer vergrößerten Jalousie, einer Hausfassade und einer Leinwand. Das Video wechselt zwischen drei Kameras und umfangreicher Videokunst: Irgendwo zwischen wahr, live, produziert und manipuliert. Irgendwo zwischen dokumentiert und gefälscht.

    *morphen = Mithilfe eines generativen Algorithmus ein Bild fließend so verändern, dass ein völlig neues Bild entsteht.

animierte Brille aus "Based on a True Story by Truman Capote"

„Je unwahrscheinlicher, je weniger die Welt zu fassen ist, desto größer wird die Ablehnung gegen den Zufall. Analog zu der Perspektive einer depressiven Person, die in aller Hoffnung nur Illusion sieht, erkennt eine paranoide Person in jeder Erklärung die nächste Fälschung. Wie unterscheiden zwischen wahrscheinlich und unwahrscheinlich?“ 

Poster zu "Based on a True Story by Truman Capote"

OTTo falckenberg schule

Premiere

 

04. Juli 2023

Bühne 3,

Münchner Volkstheater

bottom of page